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HNO-Heilkunde · Notfall

Hörsturz: Ursachen, Abklärung und Behandlung

Der idiopathische sensorineurale Hörsturz ist ein plötzlicher, meist einseitiger Hörverlust ohne fassbaren Auslöser. Die rasche audiologische Abklärung und der Ausschluss retrocochleärer Ursachen bestimmen das weitere Vorgehen.

Dr. med. Eva Sommer·28. Juni 2026·10 Min.
Hörsturz: Ursachen, Abklärung und Behandlung

Ein Hörsturz bezeichnet einen plötzlich auftretenden, in der Regel einseitigen sensorineuralen Hörverlust ohne erkennbaren äußeren Auslöser. Fachlich ist der idiopathische sudden sensorineural hearing loss (ISSNHL) gemeint, definiert als eine über mindestens drei aufeinanderfolgende Frequenzen nachweisbare Hörminderung, die sich innerhalb kurzer Zeit entwickelt. Betroffene bemerken die Minderung häufig unmittelbar nach dem Aufwachen oder innerhalb weniger Stunden, oft begleitet von Ohrdruck, Tinnitus oder Schwindel. Weil die Cochlea empfindlich auf Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen reagiert und ein Zeitfenster für die Behandlung diskutiert wird, gilt der Hörsturz als dringlicher HNO-Fall.

Definition und Abgrenzung

Der Begriff Hörsturz meint ausdrücklich den idiopathischen Verlauf, bei dem trotz Abklärung kein Auslöser gefunden wird. Davon abzugrenzen sind sensorineurale Hörminderungen mit fassbarer Ursache sowie Schallleitungsstörungen. Die Unterscheidung ist therapeutisch entscheidend, weil eine identifizierbare Grunderkrankung eine eigene Behandlung erfordert. Klinisch relevant ist außerdem die Frage, ob der Hörverlust rein cochleär oder retrocochleär, also im Bereich von Hörnerv oder zentraler Hörbahn, bedingt ist.

Pathophysiologie: konkurrierende Hypothesen

Die genaue Ursache bleibt in den meisten Fällen unklar. Diskutiert werden mehrere Mechanismen, die einzeln oder kombiniert eine Rolle spielen könnten.

  • Vaskuläre Hypothese: Eine Minderdurchblutung oder Mikrozirkulationsstörung der endarteriell versorgten Cochlea könnte zu einem ischämischen Funktionsverlust der Haarzellen führen.
  • Virale Hypothese: Eine Reaktivierung neurotroper Viren oder eine begleitende Cochleitis wird als Auslöser einer entzündlichen Innenohrschädigung angenommen.
  • Membran- und Homöostasestörung: Ein Riss intracochleärer Membranen oder eine Störung der Ionenhomöostase der Innenohrflüssigkeiten könnte die Reizübertragung beeinträchtigen.

Die vorhandene Evidenz erlaubt keine eindeutige Zuordnung, sodass die Modelle nebeneinander bestehen und die Behandlung überwiegend empirisch bleibt.

Epidemiologie und Bedeutung

Der Hörsturz tritt über das Erwachsenenalter verteilt auf, mit einem Häufigkeitsgipfel im mittleren und höheren Lebensalter. Männer und Frauen sind ähnlich betroffen. Wegen der oft raschen und einseitigen Manifestation und der offenen Frage nach einem Behandlungszeitfenster hat das Krankheitsbild eine hohe Alltagsrelevanz in der HNO-Praxis und im Notdienst. Für Betroffene ist der plötzliche Hörverlust häufig beunruhigend, zumal er nicht schmerzt und damit in seiner Bedeutung leicht unterschätzt wird. Eine sachliche Aufklärung über den meist gutartigen, aber ernst zu nehmenden Charakter und über die Möglichkeit einer Spontanremission ist daher von Beginn an wichtig.

Symptomatik

Leitsymptom ist der plötzliche einseitige Hörverlust, dessen Ausmaß von einer diskreten Minderung bis zur Ertaubung reicht. Viele Betroffene beschreiben ein Wattegefühl im Ohr. Häufige Begleitsymptome sind:

  • einseitiger Tinnitus im betroffenen Ohr
  • Ohrdruck oder ein dumpfes Völlegefühl
  • Schwindel oder Gangunsicherheit bei vestibulärer Mitbeteiligung, was als eher ungünstiges Zeichen gilt
  • Distorsion des Höreindrucks und erschwertes Sprachverstehen

Schmerzen fehlen typischerweise. Ohrenschmerzen, Fieber oder Otorrhoe sprechen für eine entzündliche Ursache, die eigenständig abgeklärt wird. Das Ausmaß der subjektiven Beeinträchtigung hängt neben der reinen Hörschwelle stark davon ab, ob das Sprachverstehen betroffen ist und ob ein belastender Tinnitus oder Schwindel hinzukommt.

Diagnostik

Am Anfang steht die Anamnese mit Fragen nach Beginn, Verlauf, Begleitsymptomen, Lärmexposition, Ototoxika und Vorerkrankungen. Die Otoskopie prüft, ob Gehörgang und Trommelfell unauffällig sind und schließt einen Cerumenpfropf oder Mittelohrbefund aus.

  • Stimmgabelprüfungen: Weber und Rinne differenzieren orientierend zwischen Schallempfindungs- und Schallleitungsstörung. Beim sensorineuralen Hörverlust lateralisiert der Weber-Versuch typischerweise ins gesunde Ohr, der Rinne-Versuch bleibt beidseits positiv.
  • Tonschwellenaudiometrie: Sie objektiviert Ausmaß und Konfiguration des Hörverlusts, etwa als Tieftonsenke, Hochtonabfall oder pantonalen Verlust.
  • Sprachaudiometrie: Sie erfasst das Sprachverstehen und ergänzt die Schweregradbeurteilung.
  • Tympanometrie und Stapediusreflexe: zur Beurteilung von Mittelohrfunktion und retrocochleären Hinweisen.
  • MRT zum Ausschluss retrocochleärer Ursachen: Bei einseitigem Befund, asymmetrischer Hörminderung oder neurologischen Auffälligkeiten wird eine Magnetresonanztomografie mit Kontrastmittel erwogen, um etwa ein Vestibularisschwannom auszuschließen. Diese Abklärung erfolgt meist zeitversetzt.

Differenzialdiagnosen

Bevor die Diagnose eines idiopathischen Hörsturzes gestellt wird, sind fassbare Ursachen einer akuten Hörminderung auszuschließen, da sie eine eigene Behandlung erfordern. Wichtige Abgrenzungen sind:

  • Cerumen obturans: ein Ohrschmalzpfropf als häufige und einfach behebbare Ursache einer Schallleitungsstörung.
  • Akute Otitis media oder Tubenfunktionsstörung: mit Schmerzen, Fieber oder Erguss, im Rinne-Versuch als Schallleitungskomponente erkennbar.
  • Akustisches Trauma oder Barotrauma: mit fassbarer Lärm- oder Druckexposition in der Anamnese.
  • Morbus Menière: bei anfallsartigem Drehschwindel und fluktuierendem, meist tieftonbetontem Hörverlust.
  • Vestibularisschwannom: als retrocochleäre Ursache bei einseitigem Befund, weshalb die MRT-Abklärung wichtig ist.
  • Ototoxische Medikation: etwa nach bestimmten Antibiotika, Diuretika oder Chemotherapeutika.

Therapie

Da eine kausale Behandlung fehlt, ist die Standardtherapie antiinflammatorisch angelegt. Eingesetzt werden Glukokortikoide.

  • Systemische Glukokortikoide: Eine orale oder intravenöse Kortikosteroidgabe über einige Tage, meist in absteigender Dosierung, gilt als übliche Erstlinientherapie. Zu beachten sind Blutzuckeranstieg, Blutdruck, gastrointestinale Verträglichkeit und weitere typische Steroidnebenwirkungen.
  • Intratympanale Glukokortikoide: Die Injektion eines Kortikosteroids durch das Trommelfell in das Mittelohr erreicht lokal hohe Wirkspiegel bei geringer systemischer Belastung. Sie wird als Alternative bei Kontraindikationen gegen eine systemische Gabe, etwa bei entgleistem Diabetes, sowie als Salvage-Therapie bei unzureichendem Ansprechen genutzt.

Der tatsächliche Effekt der Glukokortikoide wird in der Fachwelt weiter diskutiert, da ein relevanter Anteil der Hörstürze auch spontan remittiert und der Nachweis eines eindeutigen Vorteils methodisch schwierig ist. Leitlinien bewerten den Nutzen zurückhaltend, die Steroidgabe bleibt jedoch etabliert. Adjuvante oder alternative Ansätze wie durchblutungsfördernde Infusionen, hyperbare Sauerstofftherapie oder Antivirostatika wurden untersucht, ohne dass sich daraus ein durchgehend gesicherter Standard ableiten ließe. Die Aufklärung der Betroffenen sollte den experimentellen Charakter mancher Optionen und die reale Möglichkeit einer Spontanremission offen benennen. Wichtig ist zudem eine strukturierte audiometrische Verlaufskontrolle, um Ansprechen oder Persistenz zu dokumentieren und eine gegebenenfalls nötige Salvage-Therapie oder rehabilitative Versorgung, etwa mit Hörgerät, rechtzeitig einzuleiten.

Prognose, Spontanremission und Dringlichkeit

Ein erheblicher Teil der Hörstürze bessert sich spontan, was die Beurteilung des Therapieeffekts erschwert. Als eher günstig gelten geringgradige Hörverluste und ein früher Behandlungsbeginn, als eher ungünstig ausgeprägte Verluste, ein Hochtonverlust sowie ein begleitender Schwindel. Empfohlen wird ein rascher Beginn der Abklärung, häufig innerhalb weniger Tage, weil eine früh eingeleitete Behandlung als prognostisch günstiger angesehen wird. Ein streng abgrenzbares Zeitfenster lässt sich aus der Datenlage nicht ableiten, dennoch sollte nicht abgewartet werden.

Wann zum Arzt

Ein plötzlicher einseitiger Hörverlust gehört zeitnah abgeklärt, idealerweise noch am selben oder am folgenden Tag, besonders wenn Tinnitus oder Schwindel hinzukommen. Abwarten in der Hoffnung auf spontane Besserung verschenkt möglicherweise wertvolle Zeit.

Fazit für die Praxis

Der Hörsturz ist ein idiopathischer, meist einseitiger sensorineuraler Hörverlust mit vaskulären, viralen und membranösen Erklärungsansätzen. Diagnostisch führen Ton- und Sprachaudiometrie, Weber und Rinne sowie der MRT-Ausschluss retrocochleärer Ursachen. Standard sind systemische oder intratympanale Glukokortikoide bei zurückhaltend bewerteter Evidenz. Wegen der prognostischen Bedeutung eines frühen Beginns ist eine rasche Vorstellung ratsam.

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