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Allgemeinmedizin · Arzneimitteltherapie

Polypharmazie im Alter: strukturierte Deprescribing-Strategien

Mit steigender Zahl an Diagnosen wächst auch die Medikationsliste. Ein strukturiertes Deprescribing hilft, überflüssige oder riskante Arzneimittel systematisch und sicher zu reduzieren.

Dr. med. Thomas Kühn·21. Juni 2026·10 Min.

Mit dem Alter nehmen chronische Erkrankungen zu, und mit ihnen die Zahl der verordneten Arzneimittel. Ab etwa fünf gleichzeitig eingenommenen Medikamenten spricht man von Polypharmazie. Sie ist nicht per se ein Fehler, denn viele Verordnungen sind gut begründet. Mit jeder zusätzlichen Substanz steigt jedoch das Risiko für Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und Einnahmefehler. Genau hier setzt Deprescribing an, das strukturierte und begleitete Absetzen oder Reduzieren nicht mehr sinnvoller Arzneimittel.

Warum Deprescribing kein einfaches Weglassen ist

Deprescribing bedeutet nicht, Medikamente pauschal zu streichen. Es ist ein bewusster, an den Zielen der Patientin oder des Patienten ausgerichteter Prozess. Im Alter verändern sich Nutzen und Risiken vieler Substanzen. Präparate, die einst sinnvoll waren, können später mehr belasten als nützen, etwa weil sich die Nierenfunktion verändert hat, neue Medikamente hinzugekommen sind oder sich die Behandlungsziele verschoben haben. Der Prozess erfordert daher eine sorgfältige Abwägung und die Einbindung der Betroffenen.

Kriterien für die Priorisierung

Nicht alle Medikamente eignen sich gleich gut für eine Reduktion. Bei der Priorisierung helfen einige Leitfragen.

  • Besteht für das Medikament noch eine klare, aktuelle Indikation?
  • Überwiegt der zu erwartende Nutzen angesichts der Lebenssituation und der Behandlungsziele noch das Risiko?
  • Gibt es Hinweise auf Nebenwirkungen, die dem Präparat zugeordnet werden können?
  • Bestehen relevante Wechselwirkungen mit anderen Substanzen der Liste?
  • Wird ein Symptom behandelt, das möglicherweise selbst durch ein anderes Medikament verursacht wird?

Werkzeuge für die systematische Prüfung

Um die Durchsicht zu strukturieren, haben sich Kriterienlisten bewährt. Sie bündeln Erfahrungswissen zu Arzneimitteln, die im Alter besonders kritisch zu bewerten sind. Bekannte Beispiele sind Aufstellungen potenziell inadäquater Medikation wie die Beers- oder die PRISCUS-Liste sowie die STOPP- und START-Kriterien, die sowohl auf abzusetzende als auch auf gegebenenfalls fehlende Verordnungen hinweisen. Solche Listen ersetzen nicht die individuelle Entscheidung, aber sie richten den Blick auf typische Problemstellen und dienen als Gedankenstütze.

Praktisches Vorgehen in Schritten

Ein strukturiertes Deprescribing lässt sich in nachvollziehbaren Schritten organisieren. Die folgende Abfolge hat sich in der Praxis als Orientierung bewährt.

  1. Vollständige Medikationsübersicht erstellen: alle verschreibungspflichtigen und frei verkäuflichen Präparate erfassen, einschließlich Bedarfsmedikation.
  2. Indikationen abgleichen: für jedes Präparat die aktuelle Begründung prüfen und Verordnungen ohne klaren Grund markieren.
  3. Nutzen und Risiko bewerten: mithilfe von Kriterienlisten und dem individuellen Kontext die kritischsten Substanzen identifizieren.
  4. Prioritäten setzen: mit dem Medikament beginnen, das den größten Nutzen durch ein Absetzen erwarten lässt oder das größte Risiko birgt.
  5. Gemeinsam entscheiden: Vorgehen und Ziele mit der Patientin oder dem Patienten besprechen und Bedenken aufnehmen.
  6. Schrittweise und ausschleichend reduzieren: möglichst nur eine Änderung zur Zeit vornehmen, viele Substanzen langsam reduzieren statt abrupt beenden.
  7. Verlauf beobachten: auf ein Wiederauftreten von Symptomen oder Absetzphänomene achten und bei Bedarf nachsteuern.

Entscheidend ist, dass Deprescribing kein einmaliger Akt ist, sondern ein wiederkehrender Bestandteil der Betreuung. Medikationslisten verändern sich, ebenso die Lebenssituation. Eine regelmäßige, strukturierte Durchsicht sorgt dafür, dass die Therapie den aktuellen Zielen entspricht und nicht ungewollt anwächst.

Kurz gefasst

Polypharmazie erhöht das Risiko für Wechselwirkungen und Nebenwirkungen. Deprescribing reduziert nicht mehr sinnvolle Medikamente strukturiert und gemeinsam mit den Betroffenen. Kriterienlisten wie STOPP/START oder PRISCUS unterstützen die Priorisierung, und ein schrittweises, überwachtes Vorgehen erhöht die Sicherheit.

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