Postoperative Übelkeit und Erbrechen: Risikofaktoren und Prophylaxe
Postoperative Übelkeit und Erbrechen zählen zu den häufigsten unerwünschten Folgen einer Narkose. Mit einer strukturierten Risikoeinschätzung lässt sich die Prophylaxe gezielt steuern.
Postoperative Übelkeit und Erbrechen, im Fachjargon als PONV abgekürzt (postoperative nausea and vomiting), gehören zu den häufigsten und für Betroffene belastendsten Beschwerden nach einer Operation. Sie treten typischerweise in den ersten Stunden nach dem Eingriff auf, verlängern den Aufenthalt im Aufwachraum und können Nahtsysteme belasten. Die gute Nachricht: Das individuelle Risiko lässt sich vor der Operation gut abschätzen, und darauf aufbauend kann die Prophylaxe abgestuft geplant werden.
Welche Risikofaktoren begünstigen PONV?
Für die Einschätzung hat sich ein einfacher, gut validierter Punktescore etabliert, der auf vier patientenbezogenen Faktoren beruht. Jeder erfüllte Faktor zählt einen Punkt:
- weibliches Geschlecht
- Nichtraucherstatus
- Reisekrankheit oder PONV in der Vorgeschichte
- zu erwartende Gabe von Opioiden zur Schmerztherapie nach der Operation
Aus der Summe ergibt sich eine grobe Wahrscheinlichkeit: Bei null Faktoren ist das Risiko niedrig, bei allen vieren deutlich erhöht. Der Score ist bewusst einfach gehalten, damit er im klinischen Alltag rasch anwendbar ist. Neben diesen patientenbezogenen Faktoren spielen auch Merkmale des Eingriffs und der Narkose eine Rolle, etwa die Dauer der Anästhesie, der Einsatz von Inhalationsanästhetika oder von Lachgas.
Einordnung des Risikos
| Erfüllte Faktoren | Risikoeinordnung |
|---|---|
| 0 bis 1 | niedrig |
| 2 | mittel |
| 3 bis 4 | hoch |
Welche Möglichkeiten der Prophylaxe gibt es?
Die medikamentöse Vorbeugung stützt sich auf mehrere Wirkstoffklassen, die an unterschiedlichen Stellen im Brechzentrum und an den beteiligten Rezeptoren ansetzen. Weil die Ansatzpunkte verschieden sind, lassen sie sich sinnvoll kombinieren:
- Serotonin-Rezeptor-Antagonisten (Setrone), häufig gegen Ende der Operation gegeben
- Kortikosteroide wie Dexamethason, meist früh im Verlauf der Narkose
- Dopamin-Rezeptor-Antagonisten und verwandte Substanzen
- Antihistaminika mit antiemetischer Wirkung
- Neurokinin-1-Antagonisten bei besonders hohem Risiko
Neben Medikamenten tragen anästhesiologische Maßnahmen zur Vorbeugung bei. Dazu zählen eine total intravenöse Anästhesie anstelle volatiler Narkosegase, ein zurückhaltender Einsatz von Opioiden zugunsten anderer Schmerzverfahren sowie eine ausreichende Flüssigkeitsgabe.
Wie sieht das abgestufte Vorgehen aus?
In der Praxis richtet sich die Zahl der prophylaktischen Maßnahmen nach dem ermittelten Risiko. Bei niedrigem Risiko kann auf eine routinemäßige Prophylaxe verzichtet oder eine einzelne Maßnahme gewählt werden. Bei mittlerem Risiko werden meist zwei Wirkstoffe aus unterschiedlichen Klassen kombiniert. Bei hohem Risiko kommen mehrere Substanzen zusammen mit anästhesiologischen Anpassungen zum Einsatz.
Tritt trotz Vorbeugung Übelkeit auf, sollte zur Behandlung ein Wirkstoff aus einer anderen Klasse gewählt werden als der zur Prophylaxe verwendete, da eine erneute Gabe desselben Mittels innerhalb kurzer Zeit wenig zusätzlichen Nutzen bringt. Dieses Prinzip, verschiedene Ansatzpunkte zu nutzen, zieht sich durch das gesamte Konzept.
Welche Rolle spielt der Eingriff selbst?
Nicht nur der Mensch, auch die Art der Operation beeinflusst das Risiko. Als eher übelkeitsträchtig gelten unter anderem Eingriffe im Bauchraum, gynäkologische und laparoskopische Operationen sowie Eingriffe im Hals-Nasen-Ohren-Bereich und an den Augenmuskeln. Ebenso wirkt sich die Narkosetechnik aus. Volatile Narkosegase und Lachgas begünstigen postoperative Übelkeit stärker als eine total intravenöse Anästhesie. Auch eine lange Narkosedauer und ein hoher Bedarf an Opioiden erhöhen die Wahrscheinlichkeit. Diese eingriffs- und verfahrensbezogenen Faktoren fließen in die Gesamtabwägung ein, auch wenn der einfache Punktescore sie nicht direkt abbildet.
Was gilt für besondere Gruppen?
Bei Kindern wird ein etwas anderer Bewertungsrahmen genutzt, da sich die Risikofaktoren unterscheiden. Hier spielen unter anderem das Alter, die Operationsdauer, bestimmte Eingriffsarten und eine familiäre oder eigene Vorgeschichte eine Rolle. Übelkeit und Erbrechen nach Eingriffen sind bei Kindern häufig, weshalb der Prophylaxe besondere Aufmerksamkeit gilt. Auch bei ambulanten Operationen ist eine wirksame Vorbeugung wichtig, da anhaltende Übelkeit die geplante Entlassung nach Hause verzögern kann. In all diesen Situationen bleibt das Grundprinzip gleich: Das Risiko wird abgeschätzt, und die Zahl der Maßnahmen wird daran ausgerichtet.
Das PONV-Risiko lässt sich anhand von vier einfachen Faktoren abschätzen: weibliches Geschlecht, Nichtraucherstatus, Vorgeschichte und geplante Opioidgabe. Die Prophylaxe erfolgt abgestuft nach Risiko und kombiniert Wirkstoffe mit unterschiedlichen Ansatzpunkten. Tritt Übelkeit dennoch auf, wird ein Mittel aus einer anderen Substanzklasse gewählt.