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Endokrinologie · Bildgebung

Schilddrüsenknoten: die TIRADS-Klassifikation richtig anwenden

Schilddrüsenknoten sind ein häufiger Zufallsbefund. Die sonografische Risikostratifizierung nach TIRADS hilft, die Entscheidung zur Feinnadelpunktion nachvollziehbar zu strukturieren.

Prof. Dr. med. Katharina Reinhardt·16. Juni 2026·11 Min.
Schilddrüsenknoten: die TIRADS-Klassifikation richtig anwenden

Knoten der Schilddrüse gehören zu den häufigsten Zufallsbefunden der bildgebenden Diagnostik. Ihre Prävalenz steigt mit dem Lebensalter, und sonografisch lassen sie sich bei einem erheblichen Teil der Erwachsenen nachweisen, häufiger bei Frauen und in Jodmangelregionen. In der überwiegenden Mehrzahl sind sie gutartig, der Anteil maligner Knoten ist gering. Die klinische Herausforderung besteht darin, die wenigen abklärungsbedürftigen Knoten zu identifizieren, ohne eine große Zahl harmloser Befunde unnötig zu punktieren. Genau hier setzen strukturierte Bewertungssysteme wie TIRADS an.

Grundgedanke der Risikostratifizierung

TIRADS steht für Thyroid Imaging Reporting and Data System. Das Prinzip ist einfach: Der Ultraschallbefund wird anhand definierter Merkmale bewertet, jedes Merkmal erhält einen Punktwert, und aus der Summe ergibt sich eine Risikokategorie. Diese Kategorie bestimmt zusammen mit dem maximalen Knotendurchmesser das weitere Vorgehen, also Feinnadelpunktion, Verlaufskontrolle oder zunächst keine weitere Maßnahme.

Der Bewertung vorgeschaltet ist die klinische und laborchemische Einordnung. Sinnvoll ist die Bestimmung des TSH. Ein supprimiertes TSH lenkt den Verdacht auf einen autonom funktionierenden Knoten, der szintigrafisch als warmer oder heißer Knoten imponiert und nur sehr selten maligne ist. In dieser Konstellation tritt die Szintigrafie vor die Punktion, denn ein heißer Knoten wird in der Regel nicht feinnadelpunktiert.

Die sonografischen Kriterien im Überblick

Bewertet werden fünf Merkmalsgruppen, die beschreiben, wie sich ein Knoten im Ultraschall darstellt. Je auffälliger ein Merkmal, desto höher der zugeordnete Punktwert. Die folgende Tabelle fasst die Systematik in vereinfachter Form zusammen.

KriteriumMerkmalsausprägungBewertung (Punkte)
Zusammensetzungzystisch oder überwiegend zystisch, schwammartig0
Zusammensetzungsolide oder überwiegend solide2
Echogenitätechoreich oder isoechogen1
Echogenitätechoarm2
Echogenitätstark echoarm3
Formbreiter als hoch (parallel zur Hautoberfläche)0
Formhöher als breit (anteroposterior betont)3
Randglatt oder unscharf0
Randgelappt oder irregulär2
Echogene FociMakroverkalkungen oder Kometenschweif-Artefakt1
Echogene FociMikroverkalkungen (punktförmig)3

Aus der Punktsumme ergeben sich Risikoklassen von unbedenklich bis hoch verdächtig. Ein rein zystischer oder schwammartiger Knoten fällt in die niedrigste Kategorie. Ein solider, stark echoarmer Knoten, der höher als breit ist, irreguläre Ränder aufweist und Mikroverkalkungen zeigt, summiert sich in die höchste Risikostufe.

Warum diese Merkmale relevant sind

Die einzelnen Kriterien haben eine biologische Grundlage. Eine ausgeprägte Echoarmut, eine anteroposterior betonte Form (die auf ein invasives, nicht entlang der Gewebeschichten wachsendes Verhalten hindeutet) sowie punktförmige Mikroverkalkungen, die histologisch Psammomkörpern entsprechen können, sind häufiger mit malignen Befunden assoziiert. Zystische Anteile, Kometenschweif-Artefakte und glatte Ränder sprechen dagegen eher für Gutartigkeit. Kein Merkmal ist für sich allein beweisend, erst die Kombination verschiebt die Vortestwahrscheinlichkeit.

Konsequenz für die Feinnadelpunktion

Die Risikokategorie allein entscheidet nicht über die Punktion. Ausschlaggebend ist das Zusammenspiel aus Kategorie und maximalem Knotendurchmesser. Als Grundregel gilt: Je höher die Risikokategorie, desto niedriger die Größenschwelle, ab der eine Feinnadelpunktion erwogen wird.

  • Knoten mit niedrigem sonografischem Verdacht werden erst ab einer deutlichen Größe punktiert oder lediglich im Verlauf kontrolliert.
  • Knoten mit mittlerem Verdacht rechtfertigen eine Punktion bereits bei geringerer Größe.
  • Knoten mit hohem Verdacht werden in der Regel schon bei kleiner Ausdehnung abgeklärt.
  • Sehr kleine Knoten ohne Hochrisikomerkmale werden häufig zunächst beobachtet, da eine Punktion hier selten therapeutische Konsequenzen hätte.

Bethesda-Einordnung des Punktionsbefundes

Das durch Feinnadelpunktion gewonnene zytologische Material wird nach dem Bethesda-System in sechs Kategorien eingeteilt, die jeweils mit einem geschätzten Malignitätsrisiko und einer Handlungsempfehlung verknüpft sind. Vereinfacht reicht das Spektrum von einer nicht diagnostischen oder unzureichenden Probe (Kategorie I) über einen benignen Befund (Kategorie II) und die unbestimmten Kategorien mit indeterminierter Bedeutung (Kategorien III und IV) bis zum Verdacht auf Malignität (Kategorie V) und dem malignen Befund (Kategorie VI). Ein nicht diagnostischer Befund wird meist wiederholt, ein benigner Befund verlagert das Vorgehen auf die Verlaufskontrolle, die indeterminierten Kategorien erfordern eine individualisierte Abwägung, teils unter Einbezug molekularer Marker, während die Kategorien V und VI in der Regel zur operativen Klärung führen.

Verlauf und Nutzen der Systematik

Bleiben Knoten über die Zeit stabil in Größe und Sonomorphologie, kann das Kontrollintervall verlängert werden. Ein relevantes Größenwachstum oder neu auftretende suspekte Merkmale können eine bislang unterlassene Punktion nachträglich begründen. Der wesentliche Nutzen der TIRADS-Systematik liegt in der Standardisierung: Zwei Untersucher, die denselben Knoten nach denselben Kriterien bewerten, gelangen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einer vergleichbaren Empfehlung. Das reduziert sowohl übersehene Befunde als auch Punktionen, die sich im Nachhinein als entbehrlich erweisen.

Grenzen und Fallstricke

Die Systematik hat Grenzen, die in der Anwendung bewusst bleiben sollten. Die sonografische Bewertung ist untersucherabhängig, und die Zuordnung einzelner Merkmale, etwa die Abgrenzung echoarm gegen stark echoarm oder die Beurteilung des Randes, unterliegt einer gewissen Streuung. Eine sorgfältige, standardisierte Untersuchungstechnik mit Dokumentation aller fünf Merkmalsgruppen ist daher Voraussetzung für eine belastbare Kategorisierung.

Besondere Aufmerksamkeit verlangt die multinoduläre Struma. Sind zahlreiche Knoten vorhanden, ist nicht jeder einzeln zu punktieren. Sinnvoll ist die Auswahl der sonografisch verdächtigsten Knoten anhand der Risikomerkmale, nicht allein des größten. Ausschließlich nach Größe zu entscheiden, würde einen kleinen, aber suspekten Knoten zugunsten eines großen, rein zystischen Befundes übersehen. Rein zystische Läsionen sind nahezu immer gutartig, unabhängig von ihrer Größe.

Auch die Art der Erstdetektion beeinflusst die Bewertung. Ein im CT oder MRT zufällig aufgefallener Schilddrüsenknoten sollte durch eine gezielte Sonografie nach TIRADS charakterisiert werden, da die Schnittbildgebung die entscheidenden sonografischen Merkmale nicht zuverlässig abbildet. Eine fokale Mehranreicherung in der FDG-PET verdient wegen eines erhöhten Malignitätsrisikos eine sonografische und in der Regel zytologische Abklärung. Schließlich ersetzt die Bildgebung nicht die klinische Gesamtschau: Suspekte Lymphknoten am Hals, eine rasche schmerzlose Größenzunahme, Heiserkeit durch Rekurrensbeteiligung oder eine familiäre Belastung verschieben die Schwelle zur Abklärung unabhängig vom Punktwert. Die TIRADS-Kategorie ist damit ein strukturierendes Hilfsmittel, das die Vortestwahrscheinlichkeit transparent macht, sie ersetzt jedoch weder die Erfahrung des Untersuchers noch die Einbettung in Anamnese, Labor und klinischen Befund. Richtig verstanden dient das System der Priorisierung, nicht der schematischen Automatik, und entfaltet seinen Wert vor allem darin, den Ressourceneinsatz auf die tatsächlich verdächtigen Knoten zu lenken.

Fazit für die Praxis

Vor der sonografischen Risikobewertung steht die TSH-Bestimmung, ein supprimiertes TSH lenkt zur Szintigrafie statt zur Punktion. TIRADS übersetzt fünf Merkmalsgruppen in eine Risikokategorie, aus der sich zusammen mit der Knotengröße die Indikation zur Feinnadelpunktion ableitet. Der zytologische Befund wird nach Bethesda eingeordnet und steuert das weitere Vorgehen. Stabile, unauffällige Knoten rechtfertigen die Verlaufskontrolle, Ziel bleibt das Erfassen verdächtiger Knoten bei Vermeidung unnötiger Eingriffe.

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